Wie virulent ist das Open Space-Virus?

Erste Brand eins Open Space Conference am 3. April 2004 in Kooperation mit all-in-one und Schülern des Heilwig-Gymnasiums

Interims-Häuptling in der großen Runde: Unsere jüngste Open Space-Teilnehmerin

Rund 150 brand eins-Leser aus dem ganzen Bundesgebiet, aus Österreich, der Schweiz und selbst aus Spanien ließen sich von dem lapidaren Aufruf der Redaktion "Tu was! Aber was?" wie Eisenspäne anziehen – um dort auf andere Menschen zu treffen mit der einzigen Gemeinsamkeit, in selber Weise magnetisiert zu sein. Vor dem Hintergrund des klaren Werteprofils von brand eins immerhin eine solide Gemeinsamkeit.

Nach einem fröhlichen Einchecken gegen kurz nach neun herrscht in der Cafeteria bereits kaffeeduftende Betriebsamkeit, und das knapp eine Stunde vor dem eigentlichen Start. In aller Beschaulichkeit genehmige ich mir das erste Frühstück, während ich in die hier und da schon diskussionsfreudige Atmosphäre eintauche.

Zehn Uhr. Aufbruch in das große Unbekannte. An der Tür zum großen Saal fordert ein Plakat den allmählich erwachenden Geist heraus: "Mit Überraschungen ist zu rechnen."

Eine große Sitzrunde fokussiert ein Zentrum mit einem Forsythienstrauss, goldflammed wie ein Lagerfeuer. Ein egalitäres Menschenparlament, in dem es um grundlegende Fragestellungen zu gehen verspricht.

Open Space – das Prinzip

Ich hatte mich nicht ganz unvorbereitet auf dieses Kommunikationsabenteuer eingelassen. Das Konzept der Open Space Conference wurde Mitte der Achziger Jahre von dem amerikanischen Organisationsberater Harrison Owen als "organisierte Kaffeepause" entwickelt. Ausschlaggebend war die Erfahrung, dass die Kaffeepausen auf Konferenzen den Raum für die wirklich interessanten und effektiven Gespräche boten.

Open Space wird seither gerne zur Organisationsentwicklung bei Veränderungsprozessen eingesetzt. Die Erfahrungen belegen, dass das Klima der Selbstverantwortlichkeit eine starke lösungstreibende Kraft entwickelt. Über Hierarchieebenen und Interessensgegensätze hinweg werden häufig gangbare Wege für davor fast unlösbar erscheinende Probleme entwickelt.

Der organisierte Freiraum gehorcht wenigen einfachen Regeln. Die Teilnehmer, denen ein Thema auf den Nägeln brennt, rufen durch Aufschreiben und kurze Vorstellung des Themas einen Workshop ins Leben. Die Workshops werden an einer Raum-Zeit-Tafel ausgehängt und Interessenten tragen sich ein. Zentrale Regel ist das "Gesetz der zwei Füße", welches nicht nur gestattet, sondern fordert, sich nur solange in einer Runde aufzuhalten, wie man sich dort am rechten Platz fühlt. Workshops mit nur einer Person – dem Initiator – sind ebenso normal wie der Ausfall einer Runde oder das spontane Entstehen neuer Workshops. Ergebnisse bzw. wichtige Punkte der Diskussion werden knapp protokolliert und an einer Tafel im Plenum ausgehängt.

Spontane Selbstorganisation

Die Moderatorin hat kaum zuende gesprochen, als schon die erste Teilnehmerin aufspringt und binnen Sekunden wimmelt die Plaza von Dutzenden schildermalender Workshop-Initiatoren. Am Ende des Tages gibt es ganze 34 Workshopberichte von Runden mit 2 – 34 Teilnehmern. Anzahl und Zusammensetzung der Teilnehmer fluktuiert in jedem der Workshops, die ich besuche. Erstaunlich ist, dass das selbstverständliche Kommen und Gehen die Diskussion nicht stört. Neu Dazugekommene sind schnell integriert, beteiligen sich oder hören zu und bleiben – oder schwirren nach einer Weile weiter.

Gesprächsspektrum

Die Bandbreite der Themen, die unter den Fittichen eines "Wirtschaftsmagazins" aufgeworfen wird, ist beachtlich. 18 Workshops drehen sich um gesellschaftliche Belange; am breitesten aufgestellt ist die Frage nach einem gesellschaftlichen Dialog über die Vision für ein Deutschland in 20 Jahren – die auch die meisten Teilnehmer anzieht. Weiters in Variationen immer wieder das Thema Veränderung; Dauerbrenner wie das Gesundheitswesen und die Emanzipation, aber auch Orchideen wie die "Provinz für kreativen Tiefgang". Dass das Thema "In Selbstverantwortung und Würde altern" deutlich mehr Interessenten anzieht, als die "Betriebskindergärten in Gewerbegebieten", wirft ein Schlaglicht auf den hier versammelten Querschnitt der Gesellschaft.

14 Workshops beackern den Boden Wirtschaft und Arbeit, einer schlägt dabei die Brücke zur Kunst, ein anderer eruiert Möglichkeiten alternativer Musikvermarktung. Mehrere Runden besprechen die zunehmende Bedeutung von Netzwerken im Wirtschaftsleben. Parallel zu der selbstbestimmten Arbeit in Netzen spielt die Forderung nach stärkerer Berücksichtigung von sozialen Faktoren im Arbeitsleben eine grosse Rolle in den Diskussionen. Auffallend dabei: Der gewünschte Sozialfaktor spiegelt weniger die Forderungen der Gewerkschaften nach "gerechten Löhnen" und weniger Arbeitszeit, sondern nennt Werte wie Eigenverantwortung, Freude an der Arbeit, Vertrauen im Umgang miteinander, Mitbestimmung.

Zwei eher wissenschaftliche Workshops – "Denkwerkzeug" und "Praktische Philosophie" – runden das Themenspektrum des Tages ab.

Zu guter Letzt werde ich Zaungast einer in Lachsalven explodierenden Community, die die Katharsis durch gemeinschaftliches rituelles Abjammern einfordert und überschäumt im spontanen Generieren der Projektdetails...

Ende eines Tages - Anfang einer Entwicklung?

Bis unters Schädeldach voll von Eindrücken und spannenden Begegnungen sitze ich in der Schlussrunde und versuche, Bilanz zu ziehen. Was ich vorher unterschätzt hatte, war die Vielfalt der Erfahrungshintergründe und Interessen, die hier aufeinandertrafen. Das führte dazu, dass in angeregten Diskussionen der Ball von Aspekt zu Aspekt sprang und damit nicht wirklich in die Tiefe gebohrt werden konnte. Andererseits war es auch eine einzigartige Möglichkeit, viele verschiedene Ansätze eines Themas zu beleuchten und dabei neue Impulse und Einblicke zu erhalten.

Am stärksten wirkten auf mich die Beispiele von Menschen, die im Alltagsleben bereits ganz selbstverständlich innovative, lebenswerte Modelle praktizieren und meta-egoistische Haltungen leben. Inseln, die schon heute im Kleinen repräsentieren, was ein wünschenswertes Ziel im Großen werden könnte.

Als Wohltat erlebte ich die Abwesenheit üblicher Konferenztechnik; statt dessen trug das von Schülern liebevoll gestaltete und ausfallsichere Orientierungssystem atmosphärisch zum offenen und kreativen Austausch bei. Engagierte Eltern halfen in der schuleigenen Kantine, die Diskutanten aufs Beste zu verköstigen. - Die Teilnahmegebühren kamen dem Heilwig-Gymnasium zugute, das mit dem Förderverein "Heilwig schafft Zukunft" selbst aktiv den Ausbau und die Weiterentwicklung des eigenen Lernbetriebs in die Hand genommen hat. Eine Verknüpfung sich gegenseitig fördernder Interessen – Beispiele, die Schule machen können.

Wie virulent ist das Open Space-Virus? Was war? Wie geht es weiter? – Eine Anstiftung zum Konspirieren, Kuppeln, Kollaborieren.

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