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Solar-Aufschwung in Madagaskar
Solar-Aufschwung in Madagaskar4. 8. 2005 Ihr Lieben alle ! Ich hoffe, der Niedergang Deutschlands hat sich etwas verlangsamt, wirtschaftlich geht es wieder etwas aufwärts, Ihr habt alle gute Jobs bzw. ein gutes Auskommen und seid privat rundum glücklich. Nach einem nicht ganz einfachen Aufbaujahr (es dauert grundsätzlich länger als geplant und kostet auch mehr), haben sich die Dinge bei mir rasant (nach oben) entwickelt. Seit endlich im März mein 2. Transporter (ein MB208) mit den bestellten Solarsystemen hier angekommen ist, entwickeln sich die Verkaufszahlen steil nach oben. Ob das allerdings so bleibt, muss ich abwarten – Ende August endet die zweijährige "Détaxation" – die Zollbefreiung für bestimmte Produkte, so dass alles um 20–45 % teurer wird.
![]() Brennendes Papier per Solarkocher Nur leider hatte der madagassische Präsident gerade LKWs in Europa bestellt, und für die ließ man alles andere an der Pier stehen. Auch fuhr das Schiff dann nicht nach Mahajanga, sondern nach Tamatave. Einen Monat später fuhr dann ein anderes, das auch tatsächlich mein Auto mitnahm, aber es geriet in 3 schwere Stürme (was gut ist für die Ladung, weil die Besatzung dann keine Zeit hat, Autoteile abzumontieren und das Fahrzeug evtl. aufzubrechen). Die Spedition rief mich dann ganz lapidar an, ich könne meine Waren in Tulear abholen (etwa 1.600 km von Mahajanga entfernt im Süden) – dafür würden sie mir netterweise eine Entschädigung von 100,– EUR zahlen. Das lehnte ich dankend ab, denn ich hatte ja Mahajanga gebucht und bezahlt – also habe ich ein "Transbordement" beantragt, d.h. das Auto wird umgeladen auf ein anderes Schiff. Mein Auto machte dann – inzwischen hatten wir Dezember – ein kleines "Inselhopping" – von Tulear nach Mauritius und von dort nach La Réunion. Dort stand es erst mal ein paar Wochen, dann war Weihnachten, dann Neujahr, und ein paar Wochen später fuhr dann endlich ein kleines Schiff nach Mahajanga. Die restliche Zeit bis März, als ich das Auto dann aus dem Zoll holen konnte, verbrachte ich abwechselnd bei SGS (der internationalen Zollabfertigungsfirma), dem Zoll Mahajanga, dem Transitär und – wofür ich zweimal die 650 km nach Tana fahren musste – bei der Zolldirektion in der Hauptstadt. Aber dafür gelang es mir, meinen Transitär, der ausgerechnet hatte, das ich 48 Millionen FMG (das sind immerhin etwa 4.000,- EUR!) Zoll bezahlen müsste, und den "Receveur", also den wichtigsten Mann beim Zoll hier, davon zu überzeugen, dass das alles "Elektrogeneratoren" sind (dazu rechnet man laut Zollartikelnummer nur Diesel- und Benzingeneratoren) – und die sind zollfrei... Und das noch dazu völlig ohne Bakschisch! Das lief allerdings nicht ganz so glatt wie sich das anhört, denn die gestrenge Frau Zollinspektorin, die die Visite machte, beanstandete, dass die beiden Unterschriften des Finanzministers nicht identisch seien...
![]() Hubschrauber aus alten Blechdosen Das ist das Schöne hier – ganz oft wird etwas riesig aufgebauscht und man fürchtet die größten Probleme, und hinterher löst sich alles in Wohlgefallen auf und geht dann plötzlich ganz einfach. Das liegt wohl auch daran, dass die Madagassen aus Elefanten Mücken machen und nicht – wie wir Deutschen – aus Mücken Elefanten. Ein bisschen von dieser Mentalität hat glücklicherweise schon auf mich abgefärbt – ich rege mich nur noch ganz selten prophylaktisch auf und lasse alles auf mich zukommen. Gerade habe ich meine ersten beiden grösseren Anlagen verkauft – an eine von Japanern betriebene Crevettenversuchsanstalt (hier wird sehr viel Crevettenzucht betrieben – eine der grössten Einnahmequellen hier an der Küste), und an das PLAE, eine von der KfW finanziertes Projekt zur Bekämpfung der Bodenerosion.
![]() Jao bei Installationsarbeiten Er kocht nicht nur fantastisch und hat auch einen grünen Daumen, sondern auch noch eine sehr liebe Ehefrau. Und so habe ich beschlossen, mir selber einen Techniker zu backen statt den idealen fertigen zu suchen: Er macht weiterhin den Haushalt, aber an 3 Tagen der Woche von seiner Frau Tatami abgelöst, und zunehmend erledigt er die ganzen technischen Arbeiten – messen, löten, Systeme montieren und testen, Minipanels und Solarspielzeug zusammenbauen. Ich finanziere ihm eine 10-monatige Ausbildung zum Elektriker, und gerade habe ich nach 6 Monaten Probezeit seinen Lohn um 20 % erhöht. Wenn er die Ausbildung fertig hat, wird er einen weiteren Sprung machen, denn er ist wirklich fit und intelligent, noch dazu äußerst interessiert, zuverlässig und immer gut gelaunt und hat sich bei unseren Infoveranstaltungen als wahres Verkaufstalent entpuppt. Mein bester Freund hier, ein Madagasse aus Tana, der aber oft hier arbeitet und ein sehr guter Allroundtechniker ist, und dem ich es letztendlich verdanke, dass ich nach dem Stress mit meinem "Monsieur Solo" nicht irgendwann das Handtuch geschmissen habe, macht die größeren Installationen und schwierigeren Sachen für uns und nimmt Jao dabei unter seine erfahrenen Fittiche.
![]() Infoveranstaltung Juni 2005 Im Anschluss daran fuhren wir noch nach Maevatanana, einem der wärmsten Orte Madagaskaras – etwa 260 km von Mahajanga entfernt. Wir fuhren um Mitternacht los, waren um 7.00 Uhr da, bauten alles auf, wurden sogar vom Bürgermeister persönlich vorgestellt und fuhren gegen 15.00 wieder zurück – abends waren wir um 21.00 Uhr zuhause und völlig erledigt. Der neue Transporter – ein MB208 – läuft prima, vermittelt aber ein absolutes LKW-Feeling (riesiges Lenkrad und eine Gangschaltung, bei der alles umgekehrt ist, so dass ich in jeder Kurve im Getriebe rührend nach dem zweiten Gang suchte. Der Wagen heisst inzwischen bei uns "das Männerauto"... – weil ich finde, dass eine umgedrehte Gangschaltung für Frauenlogik eine Zumutung ist (so einen Blödsinn können sich nur Männer einfallen lassen – genau wie Windoof...).
![]() Journalistenschule Für ein paar alte Stammkunden in Deutschland mache ich hin und wieder auch noch Übersetzungen – dem Internet sein Dank! Finanziell läuft es also inzwischen erheblich besser als in Deutschland – ich habe wieder drei Standbeine und sehr viel geringere Fixkosten. (Allerdings finde ich, dass ich das bei dem Risiko, das ich eingegangen bin und dem Stress, der damit verbunden war, auch irgendwie verdient habe...) Meine Solarsysteme werde ich in Zukunft aber wohl nicht mehr in Europa bestellen, sondern hier in Madagaskar einkaufen, denn es gibt zwei Lieferanten, die per Container importieren, so dass ich nicht das Kosten- und Zeitrisiko habe, dem man ausgesetzt ist, wenn man selber importiert – noch dazu kleine Mengen. So langsam kann ich endlich anfangen, mir ab und zu auch mal was Nettes zu gönnen, mal Leute einzuladen, das soziale Leben zu pflegen und nicht immer nur zu arbeiten. Vorige Woche habe ich mir eine Fahrt mit einer kleinen Fischerpiroge hinüber zur Halbinsel Katsepy genehmigt (endlich wieder mal mit einem kleinen Segelboot auf See!!!) und hatte die Kamera dabei, und in Zukunft will ich mir öfter so was gönnen.
![]() Grande Braderie mit Kunden Madagaskar hat eine so zauberhafte Natur, dass es schade wäre, immer nur zu arbeiten, obwohl Mahajanga sehr schön zum Leben ist: supergute Luft, immer eine frische Brise vom Meer, nahezu jeden Tag leuchtend blauer Himmel, Sonnenschein, Wärme, gut gelaunte, freundliche Menschen und viele Blumen. Nach Deutschland zieht mich absolut nichts mehr zurück, und dass einem die ständige Sonne irgendwann auf den Wecker geht und man sich nach dem Wechsel der Jaherszeiten sehnt, wie das immer behauptet wird, trifft auf mich überhaupt nicht zu. Allerdings ist es hier nicht so leicht, richtige Freunde zu finden – für die Madagassen ist man immer ein "Vazaha" (Ausländer) und für viele leider auch ein Portemonnaie auf zwei Beinen... Deutsche gibt es hier nur wenige, dafür jede Menge angewelkte Franzosen mit Schmerbauch, die mit einer 20-jährigen Madagassin an der Seite und wehenden Haaren auf einem Motorrad ihren 5. Frühlung erleben... Ansonsten halt auch Leute, die nur befristet hier sind und in einer der Entwicklungshilfeorganisationen arbeiten. Im Mai war ich 14 Tage in Tansania und habe dort Videoaufnahmen von einem Seminar über die Jatrophapflanze gemacht, aus der man Biodiesel gewinnen kann. Das will ich zu einer Doku verarbeiten – jedes Jahr eine schöne Videodoku, das wäre ganz nett!
![]() Videoschülerinnen Vololona und Hantia Was mir an Madagaskar ganz besonders gefällt: Wenn man hier eine Idee hat, kann man sie einfach umsetzen – im Gegensatz zu Deutschland, wo mir zum Schluss nichts mehr einfiel und ich völlig frustriert war. Manchmal sind das ganz kleine Dinge: Ich hätte z.B. in Deutschland bestimmt keine kleinen Solarmodule mit Rahmen und Kabeln versehen und verkaufen können. Ich will auch unbedingt noch eine madagassische Solargartenlampe entwickeln lassen, denn die importierten sind erstens zu teuer und zweitens mit nur einer LED nicht hell genug (was alle bemängeln). In Deutschland kommt man mit "hand-made" gegen die Industrieprodukte überhaupt nicht an, denn alles muss absolut perfekt sein, der Arbeitslohn ist dafür viel zu teuer, und man darf ohne irgend eine technische Prüfung überhaupt nichts auf den Markt bringen. Hier ist es einfach: Idee haben, Leute für die Umsetzung finden (viele Madagassen sind geniale Frickler) machen, verkaufen – basta ! Mit den Lieferanten ist es allerdings nicht immer ganz einfach – es heisst immer, die Madagassen seien so arm, aber zumindest ein Teil der Leute ist selber schuld daran: Hat man endlich einen gefunden, der saubere Arbeit leistet, klappt das mit einem Modell prima, mit 10 auch. Aber wenn man dann nachbestellt, wird es schon schwieirg: Mal ist er gerade nicht da, sondern auf irgendwelchen Familienbesuchen in Tana, mal hat er seit Tagen keinen Strom in seinem Haus (die JIRAMA ist fast bankrott), mal ruft man ihn an und macht einen Termin, dann kommt er nicht usw. usw...
![]() Hubschrauber aus Palisander Ich hoffe, dass meine Website jetzt endlich bald online geht, und irgendwann versende ich dann vielleicht doch noch Solarspielzeug aus Madagaskar per Webshop in alle Welt! Das Einzige, was immer noch nicht so ganz befriedigend ist, ist mein soziales Leben, woran ich aber teilweise selber schuld bin. Ich möchte gerne mit anderen Musik machen, Leute zum Essen einladen und öfter Besuch haben, aber die letzten Monate waren dermassen mit Arbeit ausgefüllt, dass ich nur selten dazu kam. Dabei haben meine Studenten mich schon ein paarmal gefragt, wann wir endlich mal eine Session mit Klavier und Gesang machen. Singen und Musik gehört hier zum Leben, und im Gegensatz zu uns können die eigentlich alle ziemlich gut singen – die sind wohl geschult durch den sonntäglichen Kirchgang.
![]() Taxi Brousse wird beladen Meine treuesten Begleiter sind meine beiden adoptierten Hunde Brisquette und Tsy Kivy – jeden Morgen, wenn ich die Tür aufschliesse, ist erst mal Kuschelstunde angesagt, und wenn ich heim komme, springen sie vor Begeisterung fast übers Gitter. Brisquette verschleppt zurzeit alles, was sie von mir zu fassen bekommt: Pantoffeln, T-Shirts, Geschirrtücher, Unterwäsche. Das muss ich dann alles im Hof verstreut wieder einsammeln und kann von Glück reden, wenn sie es noch nicht mit ihren kleinen spitzen Zähnen zerfetzt hat. Für Nachwuchs der beiden gibt es sogar schon Vorbestellungen, obwohl hier etwa 30 Hunde im Viertel herumlaufen (in Vollmondnächten fühle ich mich wie in der sibirischen Taiga...).
![]() Montage der Solaranlage fürs Videostudio Ich versuche heute mal, ein paar Fotos mitzuschicken – meist verliere ich wegen der langsamen Leitung die Geduld... Euch allen schicke ich sonnige Grüsse aus Mahajanga – lasst mal hören, was Ihr so Good Old Germany treibt – falls Ihr nicht inzwischen auch ausgewandert seid...! Eure Elfi
Elfi Littmann-Kaba | ||||||||||||
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